Fasernessel - Urtica dioica convar. fibra

Familie: Urticáceae
Steckbrief | Systematik
Kategorie: Faserpflanze landwirtschaftliche Kulturpflanze



Urtica: lat. uro = ich brenne; "Brennessel"
dioicus: zweihäusig, getrennt­geschlecht­lich


Die Fasernessel (Urtica dioica convar. fibra) ist eine Konvarietät der Großen Brennnessel (Urtica dioica). Sie wurde zwischen 1927 und 1950 von Gustav Bredemann im Hinblick auf einen höheren Faseranteil züchterisch ausgelesen, geriet jedoch danach in Vergessenheit, bis sie im Rahmen des neu erwachten Interesses an alternativen Faserpflanzen in den 1990ern wiederentdeckt und züchterisch weiterbearbeitet wurde. Zwar ist sie keine etablierte Ackerfrucht, wird aber mittlerweile vereinzelt kommerziell angebaut.

Die Fasernessel unterscheidet sich von der Wildart durch deutlich längere, gerade Stängel, nur geringe Verzweigung, wenige Nesselzellen und den Abwurf der Blätter im August, was die spätere Verwertung des Strohs erleichtert. Sie erreicht Höhen von bis zu drei Metern.

Am wichtigsten ist jedoch der im Vergleich zur Stammform stark erhöhte Faseranteil von 17 % statt 5 %, wobei die einzelnen Fasern zugleich größere Zellwände haben.


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Fasernessel - Garten/Anbau

Als in gemäßigten Breiten weit verbreitete Pflanze eignet sich die Fasernessel für den Anbau außerhalb tropischer und subtropischer Gebiete. Zu gewährleisten ist vor allem eine gute Wasser- und Stickstoffversorgung. Darüber hinaus schätzt die Pflanze lehmige Böden, zu hohe Sandanteile können den Wuchs beeinträchtigen. Da die Pflanzen extrem wüchsig sind und dichte Bestände bilden, ist eine Unkrautbekämpfung ebenso wenig notwendig wie eine Schädlingsbekämpfung, da die Pflanze von Natur aus gegen zahlreiche Schädlinge resistent ist.

Im ersten Jahr können die Pflanzen noch nicht geerntet werden, danach sind über 10 bis 15 Jahre hinweg ohne Nachpflanzungen Ernten von sechs Tonnen Stängel per Hektar möglich, was bei einem durchschnittlichen Fasergehalt von 15 % rund 900 Kg Fasern entspricht.

Sonstige Verwendung

Nachdem jahrzehntelang weltweit kein Nesseltuch mehr hergestellt wurde und auch nach der Wiederentdeckung der Fasernessel größere kommerzielle Anwendungen zuerst ausblieben, hat die Stoffkontor Kranz AG in Lüchow 1996 die Produktion von Fasern aus Fasernesseln wieder aufgenommen. Zu großen Teilen liegen der Produktion Stämme aus der Bredemannschen Zucht zugrunde.

Bis Ende 2007 stieg die Anbaufläche durch Vertragsbauern auf 225 Hektar Faserbrennnesseln, mehr als 10 % des gesamten Faserpflanzenanbaus in Deutschland. Die als „Nettle“ beworbenen Brennnesselfasern werden anteilig in Heimtextilien und Bekleidung verwendet, ihr Anteil beträgt dabei zehn bis vierzig Prozent. Im Juni 2009 beantragte die Stoffkontor Kranz AG die Insolvenz.

In den Niederlanden pflanzte die Fa. Brennels 2005 ca. 30 ha Fasernesseln in den Poldergebieten. Dieser Anbau soll ausgedehnt werden.

Die Fasern sind im Mittel 69,7 Millimeter lang (die Länge variiert aber um 50,8 % und kann im Extremfall 215 Millimeter erreichen) und 40 bis 50 Mikrometer dick, im Querschnitt oval bis abgerundet vieleckig. Wie bei Hanf und Leinen sind sie in Gruppen angeordnet und liegen unterhalb der Bastschicht des Stängels, die stärksten und ältesten Fasern jedoch im äußeren Teil der Rinde.

Da die Faser von Natur aus sehr weich ist, von cremeweißer Farbe und zugleich aufgrund ihrer Feinheit (5 dtex) hervorragend spinnbar ist, eignet sie sich gut zum Einsatz als Textilfaser. Zugleich ist sie mit einem Wert von 50 cN/tex (ohne Röste) bzw. 25 bis 35 cN/tex (nach Röste) eine relativ starke Faser (Baumwolle rund 20 cN/tex).

Sonstiges

Brennnesseln sind altbekannte Faserpflanzen, erste Versuche einer kommerziellen Nutzung gab es jedoch erst in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts in Deutschland. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde sie auch in Dänemark intensiver genutzt, aus dieser Zeit sind hochwertige Textilien erhalten. Weitere Forschungen gab es vor allem im Deutschland des 19. Jahrhunderts, als Hindernis erwies sich jedoch vor allem das Fehlen einer praktikablen Methode, um die Fasern vom Rest der Pflanzen zu trennen.

Erste systematische Auslesen aus 170 Wildnesseln aus ganz Deutschland betrieben Bauer und Laube zwischen 1918 und 1921. Von den selektierten Nesseln wurden 12 weiter kultiviert. Weitere Züchtungs- und Auslesearbeiten erfolgten von Gustav Bredemann zwischen 1921 und 1950, zuerst in Landsberg, dann am Institut für Angewandte Botanik der Universität Hamburg. Es konnten Zuchtfasernesseln mit Fasergehalten bis zu 15 % der Stängeltrockenmasse entwickelt werden. Bredemann veröffentlichte 1959 ein umfassendes Werk, „Die Große Brennnessel“, seine Arbeit geriet jedoch in Vergessenheit.

In den 1990ern wurden von Jens Dreyer erhaltene Pflanzenbestände von Bredemanns Versuchen im Institut für Angewandte Botanik in Hamburg wiederentdeckt und in Kooperation mit dem Faserinstitut Bremen weiter erforscht und züchterisch weiterbearbeitet. Sie bilden heute die Grundlage für verschiedene kommerzielle Nutzungen, und im Jahr 2002 wurde für die Sorten „Wulfsdorf“ und „Nesselgold“ vom Bundessortenamt Sortenschutz erteilt. Das Hamburger Zuchtmaterial wird vom Institut für Pflanzenkultur erhalten und züchterisch weiter bearbeitet.

Neben der Nutzung von Bredemanns Züchtungen gibt es auch Projekte, in deren Mittelpunkt die Verwendung der Wildart steht, so z. B. das finnische „Kalajokilaakso Nettle Fibre Project“, dessen Produkte vor allem auf den Luxuswarenmarkt zielen.

Literatur

Bildquellenverzeichnis



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